Bleiben bis zum Lebensende

Fast 15 Prozent der Menschen mit Behinderung in unseren Werkstätten sind über 50 Jahre alt. In zehn Jahren scheidet ein Drittel der heutigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus. Diese Zahlen verdeutlichen die Dringlichkeit, Lösungen zu finden.

Schwerpunktthema der Mitgliederversammlung: Alte Menschen mit geistiger Behinderung

Gemeinsam engagiert für Lebensqualität im Alter: Maren Müller-Erichsen, stellvertretende Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe, und Alfredo Rosenbaum vom Rat behinderter Menschen. (Foto: Rolf K. Wegst)

Fast 15 Prozent der Menschen mit Behinderung in unseren Werkstätten sind über 50 Jahre alt. In zehn Jahren scheidet ein Drittel der heutigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus. Diese Zahlen verdeutlichen die Dringlichkeit, Lösungen zu finden.

Knapp 60 Prozent der Werkstattmitarbeiter wohnen noch im häuslichen Umfeld. Deren Eltern und Angehörigen gilt unsere besondere Sorge, so Maren Müller-Erichsen, stellvertretende Bundesvorsitzende der Lebenshilfe, in ihrer Rede vor der Mitgliederversammlung: „Stellen Sie sich einmal vor, deren Söhne und Töchter würden heute in Wohneinrichtungen leben! Die Kostenexplosion aufgrund steigender Fallzahlen wäre viel früher eingetreten. Hier möchte ich die enorme Leistung der Eltern erwähnen, die den Staat entlasten, weil sie ihre Söhne und Töchter zu Hause versorgen."

Die Eltern der Gründergeneration hätten nach der Nazi-Zeit Negativerfahrungen gemacht, die sie nicht abstreifen könnten. Die Gedanken des Gnadentods seien mit Kriegsende nicht passe gewesen. Jetzt noch hätten die Eltern kein Vertrauen zu Instituionen. Ihr heimlicher Wunsch sei es oft, dass der behinderte Sohn oder die behinderte Tochter vor ihnen stirbt - diesem Thema müsse sich die Lebenshilfe-Familie stellen.



Bleiben  bis ins Alter

Angebote der Lebenshilfe für Seniorinnen und Senioren müssten deren Wunsch entsprechen. Besonders am Herzen liegen Maren Müller-Erichsen die Erhaltung des Mehr-Milieu-Prinzips im Hinblick auf Beschäftigung,Freizeit und Bildung und die medizinische Versorgung für ältere Menschen mit geistiger Behinderung, auch bei Demenz und Pflegebedürftigkeit.

Sie forderte von der Lebenshilfe ein detailliertes Konzept für den Lebensalltag älter werdender und alter Menschen mit geistiger Behinderung und sagte: „Ich gehe davon aus, dass Menschen mit Behinderung, die in unseren Wohnstätten der Eingliederungshilfe leben, dort bis zu ihrem Tod bleiben können. Was passiert aber, wenn der Pflegebedarf so groß wird, dass es zu einer 24-stündi-gen Betreuung kommen muss? Unsere Eltern haben ihre Kinder in unsere Einrichtungen abgegeben, damit diese dort bis zu ihrem Lebensende verbleiben können. Können wir das bewerkstelligen? Ich denke, hier müssen wir eine ehrliche Antwort geben."

Maren Müller-Erichsen zeigte sich beeindruckt von den Ergebnissen einer großen internationalen Tagung im Juni 2006 zum Thema Behinderung und Alter in Graz, die darauf abzielen, individuelle Lösungen anzubieten. Sie rief dazu auf, die „Deklaration von Graz" (siehe www.lebenshilfe.de) zu unterstützen und zu verbreiten.

gn

Quelle: Lebenshilfe-Zeitung 4/2006

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