Festakt in Marburg zum 50-jährigen Bestehen der Lebenshilfe

Am 23. November 1958 wurde die Lebenshilfe in Marburg gegründet. Zu den 500 Gästen der Geburtstagsfeier gehörte auch Ministerin Ulla Schmidt. Sie hielt eine Rede, die gut ankam.

Der bald 92-jährige Lebenshilfe-Gründer Dr. Tom Mutters hat noch immer einen großen Traum: Sein Ideal ist eine Gesellschaft, in der Menschen mit und ohne Behinderung sich gegenseitig wertschätzen und in der es keine Sondereinrichtungen mehr geben muss. Eine Zukunft, wie sie im Visionspapier der Lebenshilfe für das Jahr 2020 beschrieben wird, hat auch Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt vor Augen: Das sei eine Gesellschaft, in der ich keine Angst hätte, alt zu werden, und in der ich mir wünsche, dass meine Enkelkinder leben können".

Im Namen der Bundesregierung gratulierte sie der Lebenshilfe zum 50-jährigen Bestehen. In ihrer Festrede am 23. November, dem Gründungstag der Lebenshilfe, würdigte die Ministerin die großartige Pionierleistung von Tom Mutters. Dafür gab es stehende Ovationen in der Marburger Stadthalle. Ulla Schmidt, selbst langjähriges Mitglied der Lebenshilfe in ihrer Heimatstadt Aachen, zitierte den wiedergewählten Bundesvorsitzenden Robert Antretter, wonach der zivilisatorische Reifegrad" einer Gesellschaft sich am menschenwürdigen Umgang mit kranken und behinderten Menschen messen lasse.

Nach den Gräueltaten der Nationalsozialisten habe Deutschland, so die Ministerin, spürbare Fortschritte gemacht. "Auch ein Verdienst der Lebenshilfe sei es, dass die Erinnerung an dieses Kapitel unserer Geschichte wach gehalten wird". Und Ulla Schmidt betonte: "Ich freue mich darüber, dass wir heute erstmals eine Generation geistig behinderter Menschen erleben, die das Rentenalter erreicht."

Besonders beeindruckt war sie vom schnellen und flächendeckenden Aufbau der Lebenshilfe in den neuen Bundesländern gleich nach dem Mauerfall 1989. "Für mich ist das eine der schönsten Erfolgsgeschichten der Deutschen Einheit."

Die Ministerin attestierte der Lebenshilfe einen entscheidenden Anteil am politischen Paradigmenwechsel von der Fürsorge zur selbstbestimmten Teilhabe und Inklusion: "Sie haben den Weg bereitet und Barrieren beseitigt, so dass Neues sich Bahn brechen konnte." Exemplarisch dafür stehen das Sozialgesetzbuch IX mit dem Persönlichen Budget, das Gleichstellungsgesetz und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung sei ein weiteres Beispiel. Die Politikerin versprach, dass die Übereinkunft der Vereinten Nationen nun zügig vom Bundestag ratifiziert werden solle.

Geltendes Recht müsse aber auch in der Praxis angewandt werden. Als einen Skandal bezeichnete Ulla Schmidt, dass die Richtlinie ihres Ministeriums für die interdisziplinäre Frühförderung nach sieben Jahren immer noch nicht in allen Bundesländern umgesetzt sei. Kritik übte Schmidt zudem am Verschiebebahnhof zwischen Eingliederungshilfe und Pflegeversicherung: "Auf keinen Fall dürfen Sozialhilfeträger unter Hinweis auf die Pflegeversicherung Leistungen zurückfahren, wie das leider immer wieder geschieht. Das gilt auch für behinderte Menschen, die über 65 Jahre alt sind. Auch sie haben Anspruch auf Leistungen der Eingliederungshilfe."

Gute gesundheitliche Versorgung zugesagt

Gleichzeitig betonte sie: "Ich werde es auf keinen Fall zulassen, dass geistig behinderte Menschen in der Gesundheitsversorgung zu kurz kommen." So könne jetzt häusliche Krankenpflege auch in Wohnstätten oder anderen Wohnformen in Anspruch genommen werden. "Bei dieser Neuregelung haben wir die von der Lebenshilfe vorgetragenen Argumente aufgegriffen."

Ob es um Forschung an einwilligungsunfähigen Personen, um vorgeburtliche Diagnostik oder Spätabtreibungen geht - bei ethischen Fragen erkennt Ulla Schmidt der Lebenshilfe große Kompetenz und starken politischen Einfluss zu. Wie die Lebenshilfe setzt sich die Ministerin gegen den Abtreibungsautomatismus bei behinderten Kindern ein. Frauen brauchten vor einem Schwangerschaftsabbruch ausreichend Zeit für eine unabhängige Beratung.

Ulla Schmidt nannte in diesei sammenhang das Stichwort "Inklusion". "In einer Gesellschaft, in der behinderte Menschen nicht fremd sind - in der es normal ist, dass behinderte und behinderte Kinder gemeinsam aufwachsen oder später im selben Unternehmen arbeiten - in einer solchen Gesellschaft wird Eltern die Entscheidung für ein behindertes Kind leichter fallen." Zum Schluss ihrer mit viel Beifall bedachten Rede rief sie der Lebenshilfe zu "Bleiben Sie lästig! Bleiben Sie fordernd! Lassen Sie nicht locker, auch bei der Umsetzung des Projektes 2020."

Quelle: Lebenshilfe-Zeitung vom Dezember 2008

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