Mitgliederwerbung zur Chefsache machen

Zahlreiche junge Eltern für die Mitarbeit in der Lebenshilfe gewonnen Bis Anfang 2008 sollen mindestens 25 junge Eltern Mitglied werden. Das hatte sich die Lebenshilfe Gießen fest vorgenommen. Innerhalb von drei Monaten wurde das Ergebnis nicht nur erreicht, sondern noch übertroffen. 42 Familien sind neue Mitglieder geworden. Davon wollen viele aktiv bei der Lebenshilfe mitmachen.

von Anja de Bruyn

Wie konnte das so schnell gelingen? Den Anstoß gab die Einladung zu einem Austausch mit den Eltern der Kinder, die die Grundschule oder die Frühförderung der Lebenshilfe Gießen besuchen. Dann kam der Stein ganz schnell ins Rollen, denn so schwer war es gar nicht, die Teilnehmenden von der Bedeutung der Lehenshilfe zu überzeugen.

Man kann etwas bewegen

Viele wussten einfach nicht, dass man Mitglied in der Lebenshilfe werden und dort etwas bewegen kann, dass die Lebenshilfe mehr ist als ein Einrichtungsträger. Das bestätigen sowohl die Aufsichtsratsvorsitzende der Lebenshilfe Gießen, Maren Müller-Erichsen, als auch Daniela Kannwischer, die die "Junge Lebenshilfe" mit prägen will. Zwei der neu gewonnenen jungen Mitglieder wurden bei der Mitgliederversammlung sogar schon in den Aufsichtsrat des hauptamtlichen Vorstands der Lehenshilfe gewählt.

Daniela Kannwischer ist eine von acht Müttern, die sich als Gruppe zusammengefunden haben, um vor allem für andere junge Eltern da zu sein. Heute ist das dritte Treffen. Maren Müller-Erichsen ist auch anwesend, weil sie es wichtig findet, Mitgliederwerbung zur Chefsache zu machen und neue Impulse für „ihre" Lebenshilfe zu bekommen. „Junge Eltern haben vielleicht ganz andere Ideen, und zum Beispiel wünsche ich mir, dass sie sich für alternative Lebensformen zu den Sondereinrichtungen einsetzen. Jetzt ist eine Generation da, die das wirklich will", so Müller-Erichsen.

Dem „Nachwuchs" will sie bei der Einbindung in die Lebenshilfe-Arbeit zur Seite stehen: mit ihrer Erfahrung als Mutter einen Sohnes mit Down-Syndrom und ihrer langjährigen ehrenamtlichen Tätigkeit als Vorstandsfrau der Bundesvereinigung Lebenshilfe, mit ihrem Fachwissen aus der praktischen Arbeit. Finanzielle Unterstützung für Fortbildungen und Materialien leistet die Lebenshilfe Gießen ebenfalls.

Die jungen Frauen, die alle selbst ein behindertes Kind haben, sind voller Elan und Tatendrang, sie haben einiges vor. Am wichtigsten ist ihnen ein offenes Ohr für alle Sorgen, Fragen und Ängste junger Eltern. In einem Faltblatt werden sie sich als Ansprechpartnerinnen vorstellen, und es ist geplant, im Wechsel einmal in der Woche Sprechstunden bei der Lebenshilfe anzubieten. Ideal ist, dass ihre Kinder unterschiedliche Behinderungen haben, so können auch behinderungsspezifische Fragen beantwortet werden.

Aus eigener schmerzlicher Erfahrung wissen die Frauen, wie es ist, nicht zu wissen, an wen man sich wenden kann, wenn während der Schwangerschaft eine Behinderung festgestellt wird oder man in den ersten Lebensmonaten merkt: Mein Kind entwickelt sich nicht so wie andere.

Eltern für Eltern

„Ich erfuhr im fünften Monat, dass etwas nicht stimmt, Adressen bekam ich nur für eine Abtreibung. Ich wusste nicht, was ich machen soll, mit wem ich reden soll", sagt Bettina Knorre. Ihr kleiner Sohn, den sie heute mitgebracht hat, hat das Williams-Beuren-Syndrom. Philipp ist ein fröhlicher, süßer Kerl. Damit werdende Eltern erfahren, dass Kinder mit Behinderung liebenswert sind, dass es möglich ist, mit ihnen zu leben, wollen die Mitglieder der Gruppe auch auf die Geburts- und Kinderkliniken und niedergelassene Gynäkologen zugehen.

Angela Nolte ist es schon einmal gelungen mit ihrer Tochter Paula, die das Down-Syndrom hat, ein Paar zu bestärken, ihr Neugeborenes mit Behinderung zu behalten. „Ich habe dem Vater Paula einfach auf den Schoß gesetzt, da war das Eis eigentlich schon gebrochen." Niemand könne Eltern besser verstehen als andere Eltern, da ist sich die Gruppe einig. Ärzte, Therapeuten und Pädagogen könnten da nicht mithalten.

Die Lebenshilfe möchte Eltern einen guten Service bieten, so werden in nächster Zeit verschiedene Vorträge zu wichtigen Themen angeboten: „Wie versichere ich mein besonderes Kind?", „Das Persönliche Budget", „Das etwas andere Testament", „Verhinderungspflege/ambulante Pflege".

Bei diesen Veranstaltungen wird natürlich auch wieder kräftig Mitgliederwerbung gemacht. Dazu dient auch die ansprechende Mitglieder-Zeitschritt „Miteinander" der Lebenshilfe Gießen. Ein weiteres Vorhaben der „jungen Lebenshilfe" ist, den integrativen Gießener Sportverein „Ohne Norm in Form" wieder stärker zu beleben. Vor allem sollen neue Angebote für Kinder hinzukommen.

Maren Müller-Erichsen wünscht sich die Lebenshilfe als große Familie, die Halt gibt. Die jungen Mütter signalisieren Zustimmung. Sie fühlen sich in der Lebenshilfe geborgen und erfahren hier Unterstützung für die ganze Familie.

Am richtigen Platz

„Hier bin ich auch kein Außenseiter", betont Ulrike Puvogel. „Außer der Lebenshilfe interessiert sich doch niemand für unser besonderes Kind", ergänzt Daniela Kannwischer. Gesellschaftliche Unterstützung sei eher dürftig, behinderte Menschen hätten kaum eine Lobby. Die jungen Mütter wollen dazu beitragen, dass dies anders wird. Bei der Lebenshilfe als wichtige gesellschaftliche Kraft fühlen sie sich dafür am richtigen Platz. Motiviert und zuversichtlich, mit vielen Aufgaben in der Tasche, gehen die Frauen für heute auseinander. Beim nächsten Treffen soll schon einiges erledigt sein. Das schaffen sie bestimmt.

Quelle: Lebenshilfe-Zeitung 1/2008

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