Orientierung für junge Berufseinsteiger

Seit Juli hat Deutschland den Zivildienst mit der Wehrpflicht abgeschafft. Es gibt aber verschiedene Freiwilligendienste, die von der Lebenshilfe bundesweit angeboten werden; das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), das Berufsvorbereitende Soziale Jahr (BSJ) und den Bundesfreiwilligendienst (BFD). Der BFD ist ganz neu. Deshalb verlief sein Start auch holprig.

Die LHZ stellt alle drei Freiwilligendienste vor. In dieser Ausgabe wollen wir das BSJ am Beispiel der Lebenshilfe Braunschweig genauer unter die Lupe nehmen. Auch berichten wir über den Sozialführerschein in Münster. Schüler erhalten so die Möglichkeit, die Arbeit für Menschen mit Behinderung kennen zu lernen.

Wie können Jugendliche für ein soziales Engagement gewonnen werden? Die "Westfalenfleiß GmbH Arbeiten und Wohnen", in gemeinsamer Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt und der Lebenshilfe Münster, hat dafür ihr eigenes Konzept entwickelt: den Sozialführerschein.

Der Sozialführerschein richtet sich an Schüler der 9. und 10. Klasse von Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien. Es bietet Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren die Möglichkeit, während eines außerschulischen Praktikums in den Alltag der Wohnhäuser für Menschen mit Behinderung hineinzuschnuppem. Das Praktikum wird in enger Kooperation mit den beteiligten Schulen angeboten.

Die jungen Teilnehmer besuchen in ihrem Stadtteil ein Wohnhaus der Westfalenfleiß. Auf diese Weise wird eine persönliche Beziehung zu den Menschen mit Behinderung begünstigt und es ergeben sich auch über das Praktikum hinaus nachhaltige Kontakte und Begegnungsmöglichkeiten. Somit kann auch ein weiteres Ziel des Projektes, die Förderung der Inklusion im Sinne einer uneingeschränkten Teilhabe im Sozialraum, verwirklicht werden.

Die Schüler absolvieren ihr Praktikum innerhalb von vier Wochen an vier Nachmittagen. Der Zeitrahmen ist bewusst kurz bemessen, um Schwellenängsten entgegen zu wirken. Die jugendlichen haben die Möglichkeit, die gemeinsamen Nachmittage zusammen mit den Bewohnern zu gestalten. Darüber hinaus erhalten sie Kenntnisse zum Begriff Behinderung, zum Menschenbild, zum Umgang der Gesellschaft mit Menschen mit Behinderung, zu pädagogisch Aspekten und zu beruflichen Perspektiven. Am Ende bekommen die Schüler das Zertifikat "Sozialführerschein". Diese Bescheinigung können sie ihren Bewerbungsunterlage beifügen und erhöhen damit gegebnenfalls ihre beruflichen Chancen.

Die Teilnahme am Projekt ist für die Schüler und die Bewohner freiwillig. Die Nachmittage werden zusammen geplant, vorbereitet und durchgeführt. In allen beteiligten Wohnhäusern gibt es einige Bewohner, denen im Projekt eine besondere Rolle als "Praktikantenbetreuer“ zukommt. Diese haben die Aufgabe, sich besonders um die Schüler zu kümmern, ihnen das Haus zu zeigen, ihnen vom Leben der Menschen mit Behinderung zu berichten und ihnen am Ende den Sozialführerschein zu überreichen.


Birgit Honsel-Ackermann,
Koordinatorin des Projekts
"Sozialführerschein"


Es gibt so viele Facetten, warum wir als Lebenshilfe Braunschweig, immerhin ein mittelständiges soziales Unternehmen mit 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, junge Menschen im Berufsvorbereitenden Sozialen Jahr willkommen heißen", erklärt Geschäftsführer Detlef Springmann. "Wir möchten sie für unsere Arbeit begeistern, im besten Fall auch an uns binden: Viele entscheiden sich anschließend für eine Ausbildung im sozialen Bereich, so dass wir sie später als gut qualifizierte Mitarbeiter einstellen können." Das BSJ, ebenso wie das Freiwillige Soziale Jahr oder der Bundesfreiwilligendienst, ermöglichen im Alltagsgeschäft zudem mehr Zeit, mehr Ideen, mehr individuelles Eingehen und besondere Projekte.

Das BSJ gibt es nur bei der Lebenshilfe; es wurde vor zehn ]ahren als bundesweites Angebot eingeführt. So wollte man eine Alternative zum Zivildienst schaffen, dessen Dienstzeit immer weiter verkürzt wurde. Das BSJ vermittelt grundlegende Erfahrungen im Umgang mit behinderten Menschen, führt gezielt in pädagogisches Denken und Handeln ein und zeigt, wie soziale Einrichtungen eigentlich funktionieren. Begleitet wird das BSJ von pädagogisch qualifizierten Mitarbeitern sowie internen und externen Fortbildungsangeboten. Zu den weiteren Leistungen gehören ein sozialversicherungspflichtiges Entgelt, bezahlter Urlaub sowie ein qualifiziertes Abschlusszeugnis.

Allein im Kindergarten der Lebenshilfe Braunschweig haben nun drei neue Freiwillige angefangen. Dabei wurde Marie Tröster (18) früh geprägt. Als sie selbst klein war, besuchte sie eine integrative Gruppe in diesem Kindergarten: "Dadurch habe ich ein Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung immer als normal wahrgenommen, nie darüber nachgedacht. Nun möchte ich gern ein soziales Studienfach wählen, aber weiß noch nicht genau, was. Deshalb bin ich hier."

Eine Zeit zum Orientieren sucht auch Philipp Waßmann (22): "Ich wollte nach dem Fachabitur nicht gleich fest ins Berufsleben. Und da ich auch schon seit vier Jahren Fußballtrainer für Kinder bin, habe ich mich für diesen Einsatzort entschieden. Der Umgang mit den behinderten Menschen wird mich ganz entscheidend prägen. Ich kann mir gut vorstellen, in diesem Arbeitsbereich zu bleiben.“

Auch Daniel Bosse ist mit seinen 21 Jahren noch auf der Suche nach dem richtigen Arbeitsplatz: "Ich habe auch schon Ausbildungen abgebrochen, weil ich nicht nur still vor dem PC sitzen will. Jetzt fühle ich mich wohl, wenn die Kinder zu mir kommen und ich mich mit ihnen beschäftigen kann. Ich freue mich jeden Tag, zur Arbeit zu gehen."

Quasi ein Wiederholungstäter ist Timo Dobin (23): "Ich studiere Lehramt und mache hier gerade ein Praktikum, weil mein BSJ in diesem Kindergarten so gut war. Obwohl er sich am Anfang ordentlich durchbeißen musste: "Ich habe damals sogar an Abbrechen gedacht, weil ich mich in bestimmten Situationen überfordert fühlte. Ein Gruppenwechsel für kurze Zeit sowie wöchentliche Feedback-Gespräche bewirkten einen Klick im Kopf. Ab dann war es die beste Zeit meines bisherigen Lebens", grinst Timo.

Menschen mit Behinderungen müssten durch ihre individuellen Schwierigkeiten auch individuell betreut werden, meint Kindergartenleiter Martin Hippe. Gerade bei der persönlichen Betreuung sei deshalb jede zusätzliche Hand willkommen. "Mehr ermöglichen zu können, bedeutet mehr Förderung, mehr Erfolge! Und umgekehrt: Wer dieses Praktikum mit Engagement absolviert, verfügt anschließend nicht nur über elementare Grundkenntnisse im Umgang mit behinderten Menschen, sondem kann auch mit einer guten Referenz für weitere Bewerbungen aufwarten."

Geschäftsführer Detlef Springmann nennt einen weiteren wichtigen Aspekt für das Soziale Jahr: Nach wie vor sei es nicht selbstverständlich, eine Sozialisation mit behinderten Menschen zu erleben. Aber nach diesem ]ahr könnten die Teilnehmer von einer Idee infiziert sein: "Ja, ich will eine offene Gesellschaft, ich möchte die vielfältigen Fähigkeiten von Menschen mit Behinderungen mittendrin im Arbeitsprozess, in der Kunst, in der Gemeinschaft. Und ich möchte einer von denen sein, die durch anderes Denken und Handeln dieses Ziel erreichen."

Text und Foto:
Elke Franzen, Pressereferentin
der Lebenshilfe Braunschweig




MODELLPROJEKT SOZIALFÜHRERSCHEIN

Bereits 140 Schüler in Münster haben den Sozialführerschein erfolgreich absolviert. Das Projekt wird für die Dauer von 42 Monaten von der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW finanziell unterstützt. Während der Modellphase wird das Konzept so etabliert, dass es als regelmäBiges Praktikum im Wohnverbund der Westfalenfleiß GmbH weitergeführt werden kann.

Das Projekt wird von der Katholischen Hochschule NRW (KatHO), Abteilung Münster wissenschaftlich begleitet. Im Dezember 2010 ergab die Auswertung des von den Teilnehmern ausgefüllten Schülerfragebogens, dass 80 Prozent der Schüler beabsichtigen, auch nach dem Sozialführerschein noch Kontakt zu den Bewohnern zu halten und ebenfalls 80 Prozent der Schüler sich vorstellen können, gelegentlich ehrenamtlich tätig zu sein.

Für andere Einrichtungen, die den Sozialführerschein bei sich einführen möchten, wurde ein Starterpaket mit Unterrichtsmaterial zusammengestellt. Es ist bei Westfalenfleiß abrufbar.

Kontakt und weitere informationen: www.westfalenfleiss.de



Weitere Informationen über FSJ, BFD und BSJ erhalten Sie hier: www.bsj-lebenshilfe.de


Quelle: Lebenshilfe-Zeitung September 2011

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