Zum Thema „Schule für Alle"

Ein inklusives System gibt es in Südtirol seit 1977

Der Landesverband der Lebenshilfe Baden-Württemberg hat im Mai eine Studienreise nach Südtirol gemacht. Teilnehmer waren Eltern, Pädagogen aus Förderschulen und an Tagesstätten sowie Vertreter aus Fortbildung und Wissenschaft. Die Leitung lag in den Händen von Nora Burchartz, Referentin beim Landes- verband. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand die inklusive Erziehung von Menschen mit Lernschwierigkeiten und geistigen Behinderungen. Durch Hospitationen in Schulen, Besuche in einer Kunsttherapie-Werkstatt und einer Tagesförderstätte für Menschen mit Autismus, vielen Gesprächen mit Vertretern der Lebenshilfe Südtirol, mit Schulleitungen und Lehrern, mit dem staatlichen Schulamt und mit Elternvertretern konnte die Reisegruppe Eindrücke über die Wirklichkeit der inklusiven Erziehung in Südtirol sammeln: Südtirol hat seit 1977 ein inklusives Schulsystem. Es gibt keine Schularten des gegliederten Schulsystems, sondern nur eine gemeinsame Grund- und Mittelschule für alle Kinder.

Die Fachleute haben nachdrücklich versichert, dass in Südtirol keine Sonderschulen mehr existierten und 99 Prozent aller Kinder mit Behinderungen die allgemeine Schule besuchten. Das individuelle Recht auf Bildung aller Kinder mit Behinderungen sei vollständig verwirklicht.

Das Bewusstsein der Öffentlichkeit, der Eltern und der Lehrer ist deutlich inklusiv ausgerichtet. Eine repräsentative Befragung von Eltern und Lehrern erbrachte ein klares Fazit: „Wir wollen nicht zurück!"

Die personelle Ausstattung der Südtiroler Schulen ist vorzüglich. Fast in jeder Unterrichtsstunde sind zwei Pädagogen (Lehrer und Mitarbeiter) anwesend. Von einem Sparmodell kann keine Rede sein.

Im Unterricht ist das gemeinsame Lernen kein Dogma. Behinderte Kinder wurden auch einzeln, in kleinen Gruppen außerhalb des Klassenraumes gefördert. Die inklusive Didaktik war durch eine flexible Balance von gemeinsamen und individuellen Lernsituationen gekennzeichnet. Die Natürlichkeit des sozialen Umgangs in den gemischten Lerngruppen war beeindruckend.

Aber: Auch ein inklusives Schulsystem braucht weiterhin aktive Eltern, die sich immer wieder als Advokaten für die Rechte von Schülern mit Behinderungen einbringen.

Und eine weitere Erkenntnis der Studiengruppe war: Eine inklusive Schule bewirkt nicht automatisch auch eine problemlose oder bessere Inklusion in andere Lebensbereiche. Inklusion in Arbeit, Freizeit und Gesellschaft kann durch die Schule vorbereitet, aber nicht erzeugt werden. Hier sind jeweils eigene Anstrengungen vonnöten.

Prof. Dr. Hans Wocken, Nürnberg

Quelle: Lebenshilfe-Zeitung 2/2011


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